Zeit für den Geist
Thomas Röttcher - Curriculum Vitae

In den vergangenen Jahren ist die Finanzindustrie stark unter Beschuss geraten: Der Ruf der Bänker ist inzwischen noch schlechter als jener der Politiker, und Occupy hat gezeigt, dass immer mehr Menschen sich immer weniger bieten lassen von irgendwelchen “Geldautoritäten”.

Dennoch gab es im Verhältnis dazu in den Mainstreammedien relativ wenig Dokus, die wirklich kritisch die Hintergründe der Finanzkrise durchleuchteten, sich auf die Suche nach den wahren Ursachen begaben und nicht nur die Verlierer, sondern auch die Profiteure unter die Lupe nahmen. Meist wurde nur die Oberfläche gestreift, wenn überhaupt.

Dies scheint sich seit geraumer Zeit zu ändern. Herausgestellt habe ich drei Beiträge, die in den letzten Wochen und Monaten im Fernsehen gesendet wurden und deutlich mehr Tiefgang haben oder Einblicke gewähren, als das, was man sonst gewohnt war. Ob es nun Zufall ist, dass sie alle im Ersten ausgestrahlt wurden oder nicht: Lobenswert ist es in jedem Fall. Dennoch, werte Damen und Herren Intendanten: Solche Filme hätte man sich deutlich früher gewünscht! Jetzt, wo es die Spatzen von den Dächern pfeifen, ist das keine große investigative Leistung mehr, und auch nicht mehr sonderlich mutig. Zu hoffen bleibt, dass nun auch andere Programmmacher ihren Bildungsauftrag ernster nehmen. Die Zuschauer möchten künftig häufiger mit derart hintergründiger Kost verwöhnt werden, und das bitte zur besten Sendezeit!

Hier nun die erwähnten Filme (in sinnstiftender Reihenfolge):

Inhalt: Mit großem Rechercheaufwand rekonstruiert Michael Wech in der Dokumentation, wie sich Europas Politiker gegenseitig täuschten. Nahezu alle verantwortlichen Finanzpolitiker in Deutschland, Griechenland und Brüssel sprechen offen über die wilden Anfänge der Währung, darunter u. a. die beiden ehemaligen Bundesfinanzminister Theo Waigel und Hans Eichel, der aktuelle Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, der langjährige Chef der Eurogruppe Jean-Claude Juncker, der frühere Bundesbankchef Hans Tietmeyer sowie der damalige Finanzminister Griechenlands, Yannos Papantoniou. Die Dokumentation blickt hinter die Kulissen und stellt ernüchternd fest: Die Krise des Euro ist eine Geschichte von Betrug und Selbstbetrug – aller Mitglieder, auch der Deutschen. (Text: Das Erste)

Eine Dokumentation von Michael Wech
Erstausstrahlung im Juli 2012, Dauer: 43:58 min.
→ Direktlink zur ARD-Mediathek.

Mein Kommentar: Natürlich darf der Beitrag nicht darüber hinwegtäuschen, dass Griechenland trotz der Eurotrickserei nicht die Primärursache für den angeschlagenen Euro darstellt. Das wäre viel zu einfach. Politpoker, Inkompetenz, Statistiktricks sind nur eine Seite der Medaille. Die andere ist die der Investbanken und ihrer skrupellosen Machenschaften, welche uns die ganze Misere in ihrer zügellosen Raffgier erst eingebrockt haben. Im Film wird Goldman Sachs vorgeführt, die von den griechischen Behörden als Berater angeheuert wurde, um deren Bilanzen zur Einreichung bei der EU zu “frisieren”, und so nebenbei – über entsprechende “legale” Zahlenschiebereien – 500 Mio. Euro verdiente. Dem Land selbst hat es letztendlich wenig bis gar nichts geholfen.

Inhalt: Auf jedem Deutschen lastet eine Staatsschuld von fast 26.000 Euro. Weltweit stehen die Industrieländer mit 55 Billionen Euro in der Kreide. Jetzt sollen es die Bürger richten indem sie sparen. Die Staatsverschuldung hat weltweit Billionen umverteilt – von unten nach oben. Mit den Schulden explodierten die Vermögen der Millionäre dieser Welt. Warum? Gierige Banker? Arglose Politiker? Die Staatsverschuldung und die Dominanz der Finanzoligarchie sind eine Gefahr für unser Gemeinwesen und die Demokratie, urteilt der Wirtschaftsexperte Prof. Max Otte. Aber wie wurde die Welt überhaupt zum finanziellen Tollhaus? Kommen die Industriestaaten je wieder raus aus den Schulden? Wird der große Crash kommen? Gibt es eine Hyperinflation? Hilft nur noch ein Schuldenschnitt? Und wer bezahlt am Ende die Zeche? (Text: Das Erste)

Eine Dokumentation von Tilmann Achtnich und Hanspeter Michel
Erstausstrahlung im März 2012, Dauer: 43:59 min.
→ Direktlink zur ARD-Mediathek.

Mein Kommentar: Diese Doku verdeutlicht, dass den vielzitierten Schulden stets auch Vermögen in gleichem Umfang gegenüberstehen. Dieser Umstand wird häufig vergessen – oder unter den Tisch gekehrt (Profiteure hacken sich untereinander ungern die Augen aus). Und dass folglich ein Schuldenschnitt der einzig sinnvolle Schritt wäre, auf dass auch die Gewinner (= Auslöser?) der Krise ihren längst überfälligen Obulus zur Rettung des Euro/des Systems/der Gesellschaft beitragen, denn Schuldenschnitt bedeutet gleichzeitig Vermögensschnitt. Vielleicht sind sie, die Profiteure, die Einzigen, welche durch “Rückgabe” großer Teile ihres Vermögens den drohenden Kollaps noch verhindern und so auch ihr eigenes Restvermögen retten können …

Inhalt: Warren Buffett und Bill Gates, zwei der reichsten Männer der Welt, starteten im Juni 2010 eine ungewöhnliche Kampagne: Der Investmentguru und der Microsoft-Milliardär sagten zu, die Hälfte ihres Vermögens für wohltätige Zwecke zu spenden. “The Giving Pledge” heißt diese philanthropische Initiative, der sich inzwischen rund 70 US-Milliardäre angeschlossen haben. ”The Giving Pledge” bringt mittlerweile die unfassbare Summe von rund 200 Milliarden US-Dollar zusammen. Seit der großen Verkündigung ist weltweit eine Diskussion über Fluch und Segen des geschenkten Geldes entbrannt. Denn die Aufforderung trifft auf eine Öffentlichkeit, die dem Kapitalismus zunehmend skeptisch gegenüber steht. (…) Reicht es da aus, wenn einige Reiche einen Teil ihres Geldes nach ihrem Gusto spenden wollen? Welches ist ihre persönliche Motivation hinter dem Spendenversprechen? Welcher Verantwortung wollen die Milliardäre gerecht werden? Welcher moralische Anspruch steckt dahinter? (Text: Das Erste)

Eine Dokumentation von Gisela Baur und Ralph Gladitz
Erstausstrahlung im Juli 2012, Dauer: 75:18 min.
→ Direktlink zur ARD-Mediathek.

Mein Kommentar: Philantrope seit Generationen seien sie, meint Ariane de Rothschild. Nun gut. Ein Herschenken großer Vermögensanteile ist durchaus ehrenwert, doch was nützt es, wenn die Geldströme weiter so fließen, wie sie es bislang taten, das Gesamtsystem sich nicht nachhaltig ändert? Schließlich sind es die Milliardäre, die durch den Zinseszinsmechanismus ihr Vermögen ohne Zutun stetig vergrößern, selbst oder gerade in der Krise – und diese damit  noch verschlimmern. Was im Film dennoch etwas zu kurz kommt: Wohin genau fließen die Gelder, die “an die Gesellschaft” zurückgespendet werden? Wem gehören die Stiftungen und wo werden deren Mittel reinvestiert? Dient das “Gutmenschentum” der Superreichen wirklich dem Rest der Welt?

Weitere Dokus zum Geldthema, auch älteren Jahrgangs und von unabhängigen Filmemachern – teils sehr kritisch, teils weniger kritisch (man beachte dabei, wie sich die Art der Berichterstattung über die Jahre verändert hat):

Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit – reine Interview- und Kurzbeiträge wurden nicht berücksichtigt.

Ich freue mich auf jegliche Ergänzungsvorschläge als Kommentar! Bei Direktlinks zu Filmbeiträgen bitte nur urheberrechtlich korrekte Quellen nennen.

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8 Kommentare zu „“Doku-Inflation” zur Finanzkrise: die besten Filme mit kritischem Anspruch“

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