Zeit für den Geist
Thomas Röttcher - Curriculum Vitae

Kein Aprilscherz: Zum 12. Mal wurden gestern Abend die deutschen “BigBrotherAwards” an besonders aktive Datenschutzfrevler verliehen. Eingefunden hatten sich zu diesem festlichen Anlass ca. 300 Gäste in der Hechelei in Bielefeld (ja, die Stadt existiert tatsächlich, allen Verschwörungstheorien zum trotz – ich konnte mich persönlich davon überzeugen ;-)), darunter auch die Juroren (u. a. vom Chaos Computer Club) und die Verantwortlichen vom Foebud e. V., welcher die Preisverleihung alljährlich organisiert.

Die Preise gingen dieses Jahr an:

  • die Daimler AG, Stuttgart (stellvertretend für die inzwischen gängige Praxis, bei Einstellung von Mitarbeitern für den Produktionsbereich flächendeckend Bluttests zu fordern. Daimler steht damit übrigens nicht allein: Ähnliches kenne man, so hieß es, z. B. von Thyssen Krupp, der BASF, Linde, ja sogar von der ARD.)
  • den Deutschen Zoll (für das empfohlene Verfahren des Abgleichs von Unternehmensdaten mit Antiterrorlisten.)
  • den Vorsitzenden der Zensuskommission, Prof. Dr. Prof. Dr. Gert G. Wagner (stellvertretend für alle Beteiligten an der aktuellen Volkszählung, im Rahmen derer sensible Persönlichkeitsprofile von über 80 Mio. Bürgern erstellt werden. Die Daten stünden bis zu vier Jahre nach dem Stichtag 9. Mai 2011 personenbezogen verfügbar. “Dabei werden Daten aus Melderegistern, von der Bundesagentur für Arbeit und bundesbehördlicher Arbeitgeber zweckentfremdet, ohne dass die Betroffenen rechtzeitig und ausreichend darüber informiert werden oder dem widersprechen könnten”, lautete die Begründung. Es sei dennoch anerkennend erwähnt, dass sich Prof. Wagner als einziger Nominierter nicht zu schade war, den Preis persönlich in Empfang zu nehmen.)
  • Facebook Deutschland GmbH (für ihre “Gated Community”, sprich die gezielte Ausforschung von Menschen und ihrer persönlichen Beziehungen hinter der netten Fassade eines vorgeblichen Gratisangebots. Die Laudatio war die längste des Abends – und für viele sicher auch die erschreckendste. O-Ton: “Facebook [...] lässt George Orwells Big Brother blass werden vor Neid …”)
  • Apple GmbH, München (die Iphone-Inhaber “zwingt”, zweifelhaften Datenschutzbedingungen zuzustimmen, da das Mobilgerät sonst lediglich zum Telefonieren genutzt werden kann.)
  • Verlag für Wissen und Innovation, Starnberg (in der Kategorie Verbraucherschutz, für das Abschöpfen von Adressdaten in Schulen, um diese wirtschaftlich nutzen zu können.)
  • die Modemarke Peuterey, verlegt durch die Modeagentur Torsten Müller, Düsseldorf (die Kleidung mit verdeckt integrierten und berührungslos auslesbaren “RFID-Schnüffelchips” in Umlauf bringt, ohne dass dies von Kunden bemerkt wird.)
  • der niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann (für “den ersten nachgewiesenen polizeilichen Einsatz einer Mini-Überwachungsdrohne”, so geschehen anlässlich der Protestaktionen gegen den Castortransport im November 2010, um die Demonstranten auszuspähen und zu kontrollieren. Schünemann ist Wiederholungssünder: Er erhielt den Preis bereits zum zweiten Mal.)

Die “BigBrotherAwards” wurden erstmals 1998 überreicht (zunächst nur in Großbritannien), danach regelmäßig auch in anderen Ländern (so etwa in Österreich und der Schweiz). Welchen Stellenwert die “Oscars für Datenkraken” heute erlangt haben, beweist das große Medieninteresse (nahezu alle namhaften TV-Sender waren vor Ort vertreten) sowie die professionelle Vorbereitung und Ablauforganisation des Events. Padeluun, Rena Tangens und den weiteren Helfern vom gemeinnützigen Foebud e. V. sei an dieser Stelle für ihr Engagement gedankt!

Die bittere Notwendigkeit der Negativpreise erläutern die Veranstalter am treffendsten in ihren eigenen Worten:

“Eine Informationsverarbeitung, bei der die Bürgerinnen und Bürger nicht mehr wissen, an welcher Stelle welche Daten über sie gesammelt werden, beeinträchtigt nicht nur ihre individuellen Persönlichkeitsrechte; sie ist auch mit dem demokratischen Rechtsstaat unvereinbar. Denn: Ein Mensch, der ständig beobachtet, registriert, vermarktet und von speziell auf ihn abgestimmten Vorschlägen und Angeboten begleitet wird, verändert mit der Zeit sein Verhalten und richtet es nach den Erwartungen derer aus, die seine Daten auswerten. Individualisierte Manipulationsmöglichkeiten und faktischer Anpassungsdruck führen zu einer zunehmenden Fremdbestimmung. Damit werden Grundprinzipien unserer Verfassung – die Menschenwürde und das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit – beschädigt.”

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4 Kommentare zu „BigBrotherAwards 2011: Wer sind die größten Datenkraken?“

  • Dietmar Hartmann sagt:

    .. lächerliche Auswahl:

    die wahren Datenkraken fast ohne jegliche Kontrolle sind

    1. Schufa
    2. Creditreform
    3. Bürgel

    All das sind Datenkraken mit ganz konkreten Auswirkungen auf jeden Einzelnen!

    Allein die Wahl des Namens “Big Brother Award” ist mehr oder weniger eine Verniedlichung! Denn heute denkt kaum jemand bei “Big Brother” an 1984.

  • Kai sagt:

    Ich denke da irrst Du Dich, das wissen schon viele! Und falls nicht: Dann kannst Du sie eben sie eben alle aufklären sodass sie wissen dass der Orwellsche Roman damit gemeint ist. :-)

    PS: Auch die TV-Sendung ist eine Anspielung auf das Buch

  • Peter sagt:

    Danke für diesen Beitrag …. Ich habe schon gelesen die Seite 4 mal. Es scheint mir, es gibt immer etwas Neues …

  • Sehr guter Beitrag. Leider stehen wir derzeit vor dem Problem der “Verdummung” durch den Ferseher. Daher bin ich der festen Überzeugung, dass nicht einmal 10% der Leute, die diesen Beitrag lesen, an das hier gemeinte Big Brother denken. Trotz allem kann ich nur ein Lob aussprechen an den nett geschriebenen und informativen Beitrag.

    Liebe Grüße
    Horst

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