Zeit für den Geist
Thomas Röttcher - Curriculum Vitae

Da ist sie wieder: die Fußball-WM. Pardon, die FIFA-Fußball-WM. Jene Veranstaltung, die alle vier Jahre Medien und Massen beherrscht wie kein anderes “Kultur-Event”.

Nie zuvor war der Veranstalter, die FIFA, so mächtig wie heute: Mehr Mitgliedsstaaten als die UNO (208:192), Jahresgewinne in dreistelliger Millionenhöhe, Monopolstellung (als einziger Weltverband des Fußballsports).

Die “Vereinten Nationen des Fußballs”, wie der die Organisation gern genannt wird, stehen auch für eine radikale Kommerzialisierung des Fußballsports. Wer als Mitgliedsverband nicht mitspielt oder besser: nicht spurt, wird drastisch sanktioniert. Beispiele dafür gibts zur Genüge (für Skeptiker: einfach die Wortfolgen “Sanktionen der FIFA” oder auch “Kritik an FIFA” via Suchmaschine recherchieren).

Erst jüngst kam es wieder zu einer Machtdemonstration, als ein Ausschluss der ohrenbetäubenden und mittlerweile recht nervigen Vuvuzelas diskutiert wurde. Immerhin 200.000 lärmgeschädigte Deutsche haben bis heute die Petition “Gegen Vuvuzelas – pro Stimmung!” unterzeichnet. Als neulich ein Polizist vor mir an der Kasse stand, fragte ich ihn scherzhaft, ob die Lärmtuten inzwischen unter das Waffengesetz fielen. Der Freund und Helfer entgegnete: “Hoffentlich bald.”

FIFA-Präsident Sepp Blatter indes kümmert dies nicht. Er lehnt ein Verbot ab, weil Vuvuzelas zur “Musik-Tradition” Südafrikas gehören. Und dort finde die WM eben statt. Basta.

Musik-Tradition? Nun ja. Wenigstens fördert Blatter damit die Wirtschaft, die chinesische allerdings, oder in welchem Niedriglohnland auch immer die billigen Plastiktröten hergestellt werden. Spötter meinen, die Produzenten fertigten die sogenannten Vuvu-Stopps gleich mit, welche im Süden des schwarzen Kontinents  inzwischen wohl ausverkauft seien. Wie praktisch, Lärmquelle und Lärmschutz im Kombipack. (Eine geniale Geschäftsstrategie überdies, wenn nicht sogar eine bewährte: Man munkelt schon länger, dass so mancher Computervirus und der dazu passende Antiviren-Algorithmus aus einer Hand stammen …)

Bei wem die Ohrstöpsel versagen, kann sein Vuvuzela später als Hörrohr zweitverwerten. Ob der ungewohnte Dauerlärm im Stadion auch der Grund dafür ist, dass wir bei dieser Weltmeisterschaft derart schlechten Fußball zu sehen bekommen? Zur Erinnerung: Es handelt sich immerhin um das Zusammentreffen der Soccer-Weltelite, der vermeintlich Besten der Besten!

Oder liegt die schwache Vorführung, das über weite Strecken lustlose Gekicke, vielmehr darin begründet, dass unsere hochbezahlten Kicker einfach übersättigt sind und ihre “Motivation” nur noch für Standfußball ausreicht? Hier, und nirgendwo anders, sollte die FIFA ein Machtwort sprechen und im Dienste der Fans, die teure Karten erstanden haben, der Zumutung ein Ende setzen!

Bei allem Ballgeschiebe sollte man achtsam bleiben, was während der vier Wochen Fußballfieber sonst noch so gespielt wird. Die Erfahrung hat gezeigt, dass diese Zeit der Ablenkung gerne für rasche Gesetzesänderungen oder andere unpopuläre politische Entscheidungen genutzt wird. Welche Schiebung erwartet uns diesmal? Oder wurde gar schon etwas heimlich durch die leeren Ränge des Parlaments gemogelt? Vorschläge als Kommentare erbeten.

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4 Kommentare zu „WM 2010: Macht der Funktionäre, Ohnmacht der Zuschauer“

  • Benjamin sagt:

    Hallo, wollte zu dem Artikel nur anmerken das die Vuvuzelas die in Deutschland verkauft werden größtenteils von deutschen Firma hergestellt werden.
    Eine davon macht z.B. sonst nur Spritzgußformen für die Auto-Industrie, die haben mangels Aufträgen aus Dieser aber kurzerhand beschlossen Vuvuzelas (selbst) zu fertigen.
    Viele Vuvuzelas (ca. 3mio+) sind Made in Memmingen.

    Tröööt !

    Benjamin

  • Ja, Vuvuzelas sind Waffen. Jeder Gegenstand, der dazu geeignet ist und gezielt dazu eingesetzt werden kann, einem Anderen Schmerzen und Schaden zuzufügen, ist eine potentielle Waffe. Wenn dieser Gegenstand im Grunde nur dafür gemacht ist, solches zu bewerkstelligen (im Gegensatz zu einem Hammer oder einem Kantholz oder einem Messer), dann ist er eine reine Waffe.
    Wenn noch einmal ein Idiot meinen Sohn damit antrötet, gehe ich zur Polizei und erstatte Anzeige wegen versuchter oder erfolgter Körperverletzung.
    Ein verstauchter Arm heilt in der Regel, auch ein Stich in den Oberschenkel; Gehörschäden indes können irreversibel sein und das Leben eines Menschen dauerhaft zur Hölle auf Erden machen (Tinnitus).
    Wenn diese Dinger “Kultur” sind, dann bin ich froh, ein Barbar zu sein.

  • Kathi sagt:

    Wenn auch nicht alle Tröten – Fähnchen und andere billige Fanartikel kommen größtenteils aus China. Nachhaltig vergiftete schwarz-rot-goldene Fahnen schwenkend kurbeln wir also die chinesische Konjunktur an. Und dafür kaufen sie jetzt unsere Daimlers :-). Nun gut.

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