Zeit für den Geist
Thomas Röttcher - Curriculum Vitae

Juhu, die Krise ist seit ein paar Tagen oder Wochen vorüber, tönt es einhellig durch die Massenmedien. Gut, das will nichts heißen, Papier ist geduldig (Mattscheiben auch). Aber falls doch? Dann wären unsere Politiker ja gar nicht so schlimme Versager, wie es von den ewig nörgelnden Miesmachern behauptet wird.

Vor allem würde dann endlich erkannt, wie raffiniert und bedacht unsere Volksvertreter im Grunde agiert haben. Denn schließlich hat uns die provozierte “Krise” doch unheimlich viele Vorteile beschert (wir Menschen lernen und handeln bekanntlich erst, wenn der Leidensdruck groß genug ist):

  1. Zu allervorderst hat die Krise mit ihren zahllosen staatlichen Rettungspaketen gezeigt, dass fast unbeschränkt Geldmittel vorhanden sind. So können wir demnächst auch mit einem bedingungslosen Grundeinkommen rechnen. Überhaupt wird es bald keine Armut mehr geben in der Welt.
  2. Manche Konzerne haben in den vergangenen Monaten andere Riesen günstig einverleibt und sind dadurch noch fetter geworden (ein natürlicher Prozess ohnehin, denn Kapital und Macht konzentrieren sich einfach gerne). Wozu brauchen wir auch einen Wettbewerb, da hat man als Verbraucher doch eh nur die Qual der Wahl?
  3. Andere Großfirmen wie die Hypo Real Estate (HRE) wanderten in staatliche Hände. Ein tolles Gefühl, als Bundesbürger jetzt Mitinhaber eines so weithin geschätzten Unternehmens sein zu dürfen. Sollten Sie zufällig Aktionär der HRE (gewesen) sein, dürfen Sie vielleicht sogar noch mit einer Entschädigung rechnen.
  4. Überhaupt wurden alle Branchen gleichbehandelt, was staatliche Krisenhilfe angeht. Keine wurde vergessen, nicht einmal jene, die es gar nicht nötig hat: Die jüngste Finanzspritze ging bekanntermaßen an die Pharmaindustrie (Aufkauf der ganzen Schweingrippemittellagerreste). Abwracken, die zweite; diesmal im wahrsten Sinne des Wortes.
  5. Ein Musterbeispiel dafür, dass die Finanzstützen der Regierungen sinnstiftend waren, sind die Banken selbst: Denn erstens fahren einige nun wieder richtig satte Gewinne ein (Beispiel Goldman Sachs), zweitens müssen die leidgeprüften Börsianer doch nicht auf ihre Boni verzichten, und drittens zeigt das Bankenkonsortium geschlossen anhand der Höhe der Überziehungszinsen beim Kontokorrent, dass es seine Kunden gar nicht braucht, um erfolgreich zu sein.
  6. Diejenigen Banken, welche bei solch guten Voraussetzungen dennoch bankrott gehen, sind selbst schuld, in den USA immerhin schon 81.
  7. So manche Topmanager zeigen sich nach der Krise geläutert, etwa die der Deutschen Bank: Erst kürzlich verscherbelten sie anscheinend die eigenen Firmenaktien. Ein aufrichtiger Fingerzeig für jeden seriösen Privatanleger. Überhaupt scheinen Bänker erst jetzt, da sie ihre Boni latent gefährdet sehen, so richtig zeigen zu können, was für gescheite Köpfe sie doch sind.
  8. Dass bei der Chose Stimmen nach einer Privatisierung des Geldes laut werden, vermag nur Laien als unsinnig erscheinen. Schließlich haben die USA mit ihrer heimlichen Privatbank, der FED, nur gute Erfahrungen gesammelt.
  9. Von der Qual der Wahl werden wir endlich auch in Supermärkten erlöst: Die ganzen Pleiten und Produktionskürzungen verkleinern das Angebotssortiment qualitativ wie quantitativ und werden Einkäufe künftig deutlich beschleunigen. Etwas am Rande: Eigentlich waren ja nicht die Finanzmarktspekulationen verantwortlich für die Krisenmisere, sondern der Produktivitätsrückgang! Da haben die Medien wohl einmal mehr Henne und Ei vertauscht.
  10. Erfreulicherweise  sinken auch die Preise weiter und beweisen, dass die Volkswirtschaftskunde eine Irrlehre ist. Böse Zungen spötteln schon, dass Händler demnächst ihre Kunden bezahlen müssen, auf dass diese ihre Produkte aus den Einkaufshallen schleppen.
  11. Apropos Kurzarbeit: Väter haben nun glücklicherweise mehr Zeit für ihre Familien und müssen nicht mehr wertvolle Lebenszeit bei lästigen Tätigkeiten an ungeliebten Arbeitsplätzen verbringen.
  12. Und nicht zu unterschlagen: Dank der reduzierten Absatzzahlen, sprich LKWs auf Autobahnen, macht Autofahren endlich wieder richtig Spaß.
  13. Selbst Shareholder dürfen aufatmen: Die völlig überhöhten Löhne der Arbeitsnehmer können bald legitimerweise gesenkt werden (Spanien macht’s vor) – und wer braucht eigentlich noch den völlig überkommenen Kündigungsschutz?
  14. Die bisherigen Punkte haben gezeigt: Kampagnen wie „Krise, nein danke“ sind völlig überflüssig. Wir sind schon alle gerettet (Ok, fast alle).
  15. Das Allerschönste jedoch: Redakteure in großen Tageszeitungen oder Nachrichtenmagazinen hören wieder zu, wenn der Bürger anruft, vor allem wenn sie auf ihre “umfassende Berichterstattung” während der Vorwehen der Krise angesprochen werden. Telefonate von mehr als 30 Minuten sind da keine Seltenheit mehr. Probieren Sie es aus.

    (Fortsetzung folgt)

Alles in allem freuen wir uns jetzt auf die Wahlen im September. Da dürfen wir dann die lieben Politiker endlich für ihr gutes Werk mit unserer Stimme belohnen.

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2 Kommentare zu „Das Gute an der “Krise” (Teil 2)“

  • Helga Henne sagt:

    Jede Neuordnung hat damit begonnen, sich gegen etwas zu vereinen, es war nie notwendig, dass sich alle einig sind.
    Wenn sie wissen, wogegen sie sind, kommt das von ganz allein.

    Doch vorher sollte man wissen, wie Demokratie demontiert wird:

    Also wie genau macht die Plutokratie (1 % Superreiche) ein Land undemokratisch?

    a) Justiz = indem er das Gesetz anders auslegt, z. b. durch Juristen und gewissermaßen die Gegenwehr über mehrere Instanzen totklagt, Vergleiche, Abfindungen usw.

    b) Lobby = indem er die Durchsetzungsfähigkeit von Gesetzen verwässert, durch Korruption der Gesetzeshüter und Politiker

    c) Medien = indem er idiologisch dominiert, d. h. das Gesetz moralisch und ideologisch demontiert (Ängste schürt, Bedrohungsszenarien) bis es mehrheitlich abgelehnt wird, d. h. durch Medien-Beeinflussung des Souverän (der Allgemeinheit), es besagt nicht das er alle ideologischen Teile auf einmal ändert (Salami-Taktik)

    d) Vertreter-Demokratie (parlamentarische 2 Kammer-Demokratie) = indem er seine Vertreter dem Volk zur Auswahl stellt und damit seiner Regierung das Monopol der Gesetzgebung überträgt. Zur Sicherheit stellt er auch die zweite Kammer, falls die erste versagt. Damit schaltet er das Volk aus dem Gesetzgebungsprozess komplett aus.

    Will Mensch also eine gerechte Gesellschaft, muss das das Volk diese Mechanismen ausschalten, indem es sie unangreifbar für Plutokraten macht.

    Jetzt brauchen wir nur noch eine Idee wie!
    Dann kommen wir irgendwann auch mal zu einem besseren Deutschland.

    Übrigens: Die Linke ist die einzige Partei, die das Volk schon mal abgesetzt hat und sie wird nicht mit Spenden gekauft.

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