Zeit für den Geist
Thomas Röttcher - Curriculum Vitae

"Geschmückte" Commerzbank-Arena: der richtige Ort für ein Treffen mit dem Dalai Lama?

"Geschmückte" Commerzbank-Arena: der richtige Ort für ein Treffen mit dem Dalai Lama? (Foto: T. Röttcher)

Am vergangenen verlängerten Wochenende verweilte der 14. Dalai Lama zu Gast in Frankfurt am Main. Er, der es wie kein zweiter Geistlicher aus der östlichen Hemisphäre versteht, die Menschen(massen) zu bewegen. Zumindest hier bei uns im Westen.

Erstmals kostete es in diesem Jahr Eintritt, den tibetischen “Gottkönig” live bewundern zu dürfen. Die regulären Ticketpreise bewegten sich zwischen 20 und knapp 250 Euro, wahrlich kein Pappenstiel. Mit “Einmal im Leben den Dalai Lama treffen” fand der Organisator, die gemeinnützige Buddhismus in Frankfurt a. M. 2009 GmbH, jedoch den passenden Slogan, den Andrang auf das Event noch zu verstärken. Der Dalai Lama als kultiger Popstar.

Wir von der ZeitGeist-Redaktion machten uns am Samstag auf den Weg zur Veranstaltung, weil wir auf das angekündigte Podiumsgespräch “Wirtschaft und Ethik, Umweltbewusstsein, globale und persönliche Verantwortung” gespannt waren. Als Diskussionspartner des Dalai Lama waren u. a. der Gründer der dm-Drogeriemarktkette Götz W. Werner, seines Zeichens Anthroposoph und Förderer der Idee des Grundeinkommens, dann der Volkswirtschaftler Karl-Heinz Brodbeck, der mit “Die Herrschaft des Geldes. Geschichte und Systematik” ein beachtliches Werk vorlegte, welches das Zeug zum Klassiker hat, und zudem eine buddhistische Wirtschaftsethik entwickelte, sowie der Meteorologe Mojib Latif vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften an der Uni Kiel, der als einer der renommierten deutschen Klimaforscher angekündigt wurde, dann aber doch nur das mittlerweile altbekannte CO2-Märchen nachbetete.

podiumsdiskussion

Podiumsteilnehmer v. l. n. r.: Götz W. Werner, Karl-Heinz Brodbeck, Übersetzer des Dalai Lama, S. H., der Dalai Lama, Mojib Latif, Gert Scobel (Foto: R. Dießl)

Leider war das Podiumsgespräch eher belanglos, weil nicht wirklich eines zustande kam. Gert Scobel, bekannt aus der Sendung “Kulturzeit” auf 3SAT, war zwar um ausgewogene Moderation bemüht, die jedoch immer wieder durch einen sich selbst produzierenden Latif unterbrochen wurde. Überhaupt kam der Eindruck auf, dass jeder für sich isoliert seine Meinung zum besten gab, neben einem über weite Strecken in sich versunkenen Dalai Lama. Wesentliches Neues: Fehlanzeige.

Auch Letztgenannter machte nicht unbedingt eine glückliche Figur (mal abgesehen von seinen Scherzen, die er gerne dazwischen schiebt und die ihn für viele so sympathisch machen). In der Vorrede erklärte der Dalai Lama, dass er die Europäische Union als eine wunderbare Entwicklung sehe (anscheinend weiß er nichts von der heftigen Diskussion um den Vertrag von Lissabon), und dass wir auch das Konzept der “einen Welt” (One World) bräuchten. Immerhin ergänzte er, bei dem nicht selten geforderten Konzept des “einen Denkens” (One Mind) habe er seine Zweifel, weil sich das nach etwas Totalitärem anhöre. Trotzdem erstaunt es bei solchen Äußerungen nicht, dass es auch kritische Stimmen in Bezug auf das Wirken des tibetischen Oberhaupts gibt (siehe z. B. die Beiträge Der Anspruch auf ein freies Tibet ist Vergangenheit” und Die güldene Sonne des Ostens” auf der zeitgeist-Homepage).

Und auf die Frage Götz W. Werners während des Podiumsgesprächs, was er denn vom Grundeinkommen halte, antwortete Tenzin Gyatso wörtlich: “My precise answer is: I don’t now.” Aha. Hätte man nicht erwarten dürfen, dass sich die Gesprächsteilnehmer im Vorfeld, auch wenn einer davon der Dalai Lama ist, wenigstens im Gröbsten mit den Inhalten der anderen befassen?

Wie dem auch sei, die Veranstalter zogen eine positive Bilanz: Insgesamt 52.500 Besucher an vier Tagen in der Commerzbank-Arena.

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Der Dalai Lama im Fußballstadion: große Kulisse vor überwiegend leeren Rängen (Foto: T. Röttcher)

Obgleich das Fußballstadion geschmückt war und versucht wurde, ein “Tibet-Feeling” zu kreieren, war die Örtlichkeit für mein Gefühl überdimensioniert. Die 10 bis 15.000 Besucher täglich verloren sich förmlich in dem mehr als 50.000 Menschen fassenden Stadion – und auch die Beschallung ließ aufgrund der Größe etwas zu wünschen übrig.

Alles in allem stellt sich mir dann doch die Frage: Welchen Sinn und Zweck soll eine derartige Begegnung mit dem Dalai Lama erfüllen? Und wo bringt uns das als Menschheit wirklich weiter?

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2 Kommentare zu „Zwischen Po(m)p und Kommerz: der Dalai Lama in Frankfurt“

  • Cornelius sagt:

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