Zeit für den Geist
Thomas Röttcher - Curriculum Vitae

Was ist nur im Iran los? Erst beherrschen die Wiederwahl von Präsident Ahmadinedschad (oder besser der Wirbel um ihre Rechtmäßigkeit), demonstrierende Massen, Aufständische wie Tote, wochenlang die Nachrichtensendungen und Titelseiten der Gazetten – bis, ja bis das Ableben eines halblebigen Einzelnen all das mit einem Paukenschlag in den Hintergrund drängt: Michael Jackson is dead. Doch um diesen soll es hier gar nicht gehen.

Sondern um den Iran. Der Tenor der Berichterstattung in den westlichen Mainsttreammedien ist nahezu einheitlich (Ahmadinedschad der Böse, der Oppositionelle Mussawi der Gute), und doch fragt sich manch einer: Ist es wirklich eine positive Nachricht, wenn Ahmadinedschad im eigenen Land unter Beschuss gerät?

Tag für Tag werden uns Bilder mit Menschenaufläufen vorgeführt, scheinbar allesamt Gegner Ahmedinedschads, von Millionen, zumindest aber Hunderttausenden protestierenden Iranern ist die Rede. Auch Schwiegermütter-Liebling Günther Jauch blies in seiner selbst produzierten Stern-TV-Sendung kürzlich ins gleiche Horn, wurde jedoch von der Auslandskorrespondentin korrigiert: Zehntausende sähe sie auf den Straßen, nicht Hunderttausende. Eingeladen hatte Jauch “passend dazu” Amene Bahraminava (jene verstümmelte Iranerin, die sich nun vom Gericht legitimiert “Auge um Auge” bei ihrem Peiniger rächen darf), um das verkommene Regime in seiner ganzen Rohheit vorzuführen.

Vom iranischen Wächterrat wurde dann plötzlich eingeräumt, dass es wohl doch Unregelmäßigkeiten gegeben habe – in 50 (und nicht in wie zuletzt von Demonstranten behaupteten 170) Städten lag die Wahlbeteiligung bei über 100 % –, diese seien jedoch nicht wahlentscheidend gewesen. Eine Annulierung der Wahl wurde jedenfalls ausgeschlossen.

Einem engagierter Blogger gelang es aufzuzeigen, dass nicht nur die Wahlen im Iran, sondern auch die Berichterstattung in westlichen Medien manipuliert wurde. So hatte die LA-Times ein Foto einer Pro-Ahmedinedschad-Kundgebung gezeigt (auch die scheint es demnach gegeben zu haben), das in der BBC prompt in eine Pro-Mussawi-Demonstration umgetextet wurde.

Unterfüttert werden Medienreportagen gerne auch mit mehr oder minder privaten Fotos aus Blogs und persönlichen Mitteilungen via sozialen Netzen und Kurznachrichtensystemen wie Twitter, Facebook & Co. Doch wie ernst kann man diese Meldungen nehmen? Der Iran ist ein Land, das laut CNN today 23 Millionen Internetnutzer hat, rund ein Drittel der Bevölkerung also, dazu etwa 60.000 Blogger. “Echte Informationen aus erster Hand, weitergegebene Gerüchte und gezielte Desinformationen sind kaum zu unterscheiden”, schrieb der “Spiegelfechter” sicher zurecht. Inwieweit wo zensiert wurde, ist kaum nachprüfbar. Auch die CIA soll in der ganzen (Des-)Informationspolitik ihre Finger im Spiel (gehabt) haben.

Wem kann man was glauben? Mussawi zieht sich gerne den Mantel des Reformers über. Dass er tatsächlich einer ist, darf bezweifelt werden. Fakt ist nämlich, dass er von 1981 bis 1989, in der Zeit des Iran-Irak-Kriegs, Premierminister unter Ayatollah Khomeini war, ein Posten, der nach Ablauf seiner Amtszeit mit dem des Präsidenten verschmolzen wurde. Hinter Mussawi stehe, so Spreerauschen.net, ein anderer mächtiger Mann: Rafsandschani, von 1989 bis 1997 iranischer Präsident und enger Vertrauter Khomeinis. “Steinreich, unpopulär und bis auf die Zähne korrupt” sei er, heißt es weiter mit der Mutmaßung, dass sich der wahre Machtkampf im Iran nicht etwa zwischen Mussawi und Ahmedinedschad abspiele, sondern “zwischen Rafsandschani und dem Mann hinter Ahmadinejad und zwar dem Paten Ayatollah Khamenei“.

Zweifelsfrei: Ahmadinedschad ist ein Diktator. Und mit der Pressefreiheit und diversen Bürgerechten ist es in der iranischen Theokratie auch nicht weit her. Eines jedoch ist gewiss:  Ahmadinedschad ist der einzig Verbliebene, der es wagt, der US-amerikanischen Imperialpolitik im Mittleren Osten die Stirn zu bieten. Bislang zumindest. Und das ist nicht das Schlechteste – sofern es zu keiner Eskalation kommt. Die könnte nun drohen, nachdem genügend mediales Öl ins Feuer der Fronten gegossen wurde. Wir kennen das ja noch vom Irak.

Obama hielt sich zunächst verdächtig vornehm zurück, bat dann aber Twitter, die Wartungsarbeiten kurz zu halten, um den Widerstand nicht auszuhebeln – und ermahnte den Iran schließlich doch noch. Einiges deutlicher wurde “Altmeister” Kissinger und drohte ihm gleich mit einem Regimewechsel – und wo jener Mann auf der Weltbühne aufritt, weiß der gut Informierte, bricht nicht selten kurz darauf ein Krieg oder wenigstens eine Revolte aus.  Doch womöglich kommt Israel den USA ja im Alleingang zuvor …?

Düstere Aussichten. Hoffen wir das Beste – dass sich die Lage entspannt. Unklar bleibt sie in jedem Fall. Meine Empfehlung daher: Bilden Sie sich am besten selbst ihre Meinung, möglichst auf Basis verschiedenster Informationsquellen.

— Anzeigen —

auxmoney.com - deine Kredit Alternative



4 Kommentare zu „Die Medien und der Iran: Kommt bald der “Befreiungskrieg”?“

  • nova sagt:

    Hi,

    die Ereignisse im Iran richtig einordnen kann nur, wer die jüngere Geschichte des Landes bzw. die Verstrickung des “Westens” insbesondere der USA kennt.
    Kaum einer hier weiß um den CIA-gesteuerten Sturz des demokratisch gewählten iranischen Präsidenten, Dr. Mossadegh, 1953.
    Die Installierung des westlich gesteuerten Schahs plus seiner Geheimpolizei Savak.
    Die Iraner allerdings haben dieses nie vergessen.
    Auch heute wäre es interessant einmal zu untersuchen, inwieweit CIA/Mossad ihre Finger bei den Demos im Spiel haben.
    Es wird zwar lauthals Wahlbetrug geschrien, konkrete Beweise dazu sind aber nie genannt worden.
    Nein, ich bin nicht unbedingt ein Freund des iranischen Systems und stehe immer auf der Seite von Freiheit und Menschenrechten.
    Auf der anderen Seite aber kann ich nicht erkennen, wo denn der Westen die moralische Integrität hernimmt, über den Iran zu urteilen?
    Wie können wir Demokratie, Meinungs- und Pressefreiheit im Ausland fordern und selbst zuhause diese Rechte immer weiter einschränken?
    Unser System ist derart von Korruption zerfressen, dass wahrer Fortschritt und Gerechtigkeit nicht mehr möglich sind.
    Unterdrückung und Gewalt, das Recht des Stärkeren sind die Norm.
    Die Menschen im Westen sollten sich einfach einmal für 10 min. in die Lage des Irans versetzen, bevor sie ihr unqualifiziertes Urteil abgeben.
    Wenn ihnen Freiheit, Menschenrechte, Demokratie wirklich wichtig sind, sollten sie dafür kämpfen … und zwar im eigenen Land!

  • nova sagt:

    Btw: Der Krieg gegen den Iran ist bereits im Gange. Seit Jahren verüben von den USA finanzierte und ausgebildete Söldner (Al Kaida etc.) einen Untergrundkrieg mit dem Ziel der Destabilisierung des Iran. Agenten Zions verüben Mordanschläge auf Techniker des zivilen Atom-Programms.
    Der Iran ist bereits von 3 Seiten umschlossen.
    Es wird jetzt ein ähnlicher Propaganda-Feldzug wie im Vorfeld des Irak-Krieges geführt und die westliche Bevölkerung schon einmal für den Krieg in Stimmung gebracht.
    Das Entscheidende scheint mir das Verhalten unserer Bevölkerung zu sein. Sind wir bereit, diesen Krieg zu akzeptieren?
    Ich beobachte, wie immer mehr Menschen anfangen, immer mehr Fragen zu stellen. Sie misstrauen den Konzern-Medien und informieren sich immer mehr durch alternative Medien im Weltnetz.

Kommentieren

Juni 2009
M D M D F S S
« Mai   Jul »
1234567
891011121314
15161718192021
22232425262728
2930  
Buchneuerscheinungen

Die aktuelle Printausgabe
Unser Topseller
zeitgeist auf Facebook!

Facebook-Logo

Anzeige
Aus dem Verlagsprogramm
Beliebt (letzte 180 Tage)
  • No results available
Translator
Anzeige

Anzeige
Letzte Kommentare
  • Steve: Im Prinzip ganz einfach: quit pro quo. Will ich etwas für mich haben, muß ich etwas geben. Das Universum als...
  • Kai: Also, bei mir funktionieren die Bestellungen, egal ob im finanziellen Bereich, im partnerschaftlichen Bereich...
  • Mein Idol Michael: Hi Leute, ich habe alle Kommentare gelesen! Ein gewisser Michael Jackson hat ein...
  • Celine MJ I LOVE YOU: Hey Michael und alle zusammen, ich weiß nicht ob ich es glaube das es Kommentare gibt wo du...
  • Laura: Ich hoffe, dass Michael nicht irgendwann eure Kommentare lesen muss. Ich bin kein Fan gewesen von ihm. Jedoch...
Anzeige